Brüder im Leben und perfekt aufeinander abgestimmte Partner auf der Bühne – Lucas und Arthur Jussen gehören zu den etabliertesten Klavierduos ihrer Generation. Am 20. September geben sie zusammen mit der Camerata Salzburg ihr Debut bei classicAscona, mit dem brillanten Konzert für zwei Klaviere von Mendelssohn. Im Interview erzählen sie, was das Spiel im Duo einzigartig macht: ein Gleichgewicht aus Verbundenheit, Instinkt und einem nicht zu unterschätzenden Element der Unvorhersehbarkeit.
Was fasziniert Sie am Spiel im Duo?
Lucas: Wir lieben es einfach, Musik zu machen – und es gemeinsam tun zu können, ist noch schöner. Dazu kommen der Adrenalinschub und die Euphorie der Konzerte, bei denen man nie wirklich weiss, was passieren wird. In den Proben kann man vieles planen und festlegen, wie man spielen will, aber auf der Bühne verändert sich vieles und entsteht im Moment. Das ist ein bisschen beängstigend, aber genau diese Unvorhersehbarkeit macht die Erfahrung so schön und aufregend.
Welche Bedeutung hat es für Ihre Zusammenarbeit, dass Sie Brüder sind?
Arthur: Brüder zu sein hilft insofern, als wir seit unserer Kindheit so viel Zeit zusammen am selben Klavier verbracht haben, dass wir uns heute in- und auswendig kennen und uns sofort verstehen: Oft müssen wir uns nicht einmal ansehen oder miteinander sprechen – alles geschieht instinktiv.
An welche Erinnerungen denken Sie bei den Stunden mit der grossen Maria João Pires?
Arthur: Wir haben ein Jahr mit ihr gelebt und studiert, zwischen Portugal und Brasilien. Wir waren damals 9 und 12 – ein Alter, in dem man noch «ein unbeschriebenes Blatt» ist. Bei ihr zu studieren war etwas Gewaltiges: Sie hat uns wirklich gelehrt, Musik zu machen. Sie war nicht die beste Lehrerin im Sinne von rationalem Erklären oder Verbalisieren, aber sie zeigte sehr vieles durch ihre Art zu spielen. Oft versuchte sie, etwas zu erklären, setzte sich dann ans Klavier und spielte es – und man verstand es vollkommen. Was sie so besonders macht, ist ihre Phrasierung: Sie sprach immer davon, in der Musik zu atmen, wirklich. Sie sagte, man solle nicht in Takten denken, sondern singen und phrasieren. Der Klang und die Schönheit ihres Spiels sind unglaublich. Wir sagen immer: Wenn wir auch nur 10 % ihrer Musikalität besitzen, sind wir schon sehr glücklich.
Das Repertoire für zwei Klaviere oder Klavier zu vier Händen ist riesig: Was halten Sie von Transkriptionen?
Arthur: Wir sind keineswegs grundsätzlich dagegen, aber entscheidend ist, wer sie geschrieben hat. Wenn es der Komponist selbst ist – wie Ravel oder Strawinsky – , funktioniert es: Das bedeutet, dass er auch an die Klavierversion glaubt. Andernfalls sind wir vorsichtiger: Nicht alles, was im Orchester funktioniert, funktioniert auch am Klavier. Deshalb sind wir sehr wählerisch.
Spielen Sie lieber im Duo mit Orchester oder in kammermusikalischer Besetzung? Und das solistische Repertoire?
Arthur: Wir mögen die Kombination. Wir lieben es, mit Orchester zu spielen: Jedes Orchester und jeder Dirigent sind anders, sodass es jedes Mal eine neue Erfahrung ist. Aber wir lieben auch Recitals zu zwei Klavieren oder zu vier Händen – ich würde sagen, es ist wirklich 50:50. Wir spielen auch allein, aber seltener: Das Herz unserer Arbeit bleibt das Duo. Das solistische Repertoire ist jedoch grossartig, und man lernt sehr viel dabei, deshalb pflegen wir es weiterhin, wenn auch in geringerem Umfang.
Bei classicAscona spielen Sie das Konzert von Mendelssohn, das er mit 14 Jahren schrieb …
Arthur: Das Schöne an diesem Konzert ist, dass man das junge Alter heraushört: Es ist noch ein bisschen naiv, aber voller Talent und Kreativität. Es ist wie ein junger Fussballer bei seinem Debut: Er läuft überall hin, will alles beweisen. Manchmal übertreibt er – aber aus Begeisterung. Auch in diesem Stück gibt es Momente, in denen es «zu viel» ist, aber genau diese Unvollkommenheit gefällt uns: Sie passt zu seinem Alter. Mit 14, 15 Jahren so etwas zu schreiben, ist unglaublich: voller Freude, Energie, Nuancen. Es ist eines der Stücke, die wir am meisten lieben.
Verbringen Sie auch in der Freizeit viel Zeit miteinander?
Lucas: Ja, sehr viel. Wir haben eine sehr enge Familie und sind glücklich darüber. Nachdem wir von zu Hause ausgezogen sind, haben wir nicht mehr zusammen gewohnt, aber immer sehr nah beieinander: In Amsterdam wohnten wir uns gegenüber und konnten uns spielen hören, wenn wir die Fenster öffneten. Jetzt bin ich nach Hilversum gezogen, wo wir geboren wurden und wo unsere Eltern leben; Arthur wird bald auch dorthin ziehen, sodass wir wieder alle zusammen sein werden. Heute versuchen wir, so viel Zeit wie möglich mit der Familie zu verbringen – und miteinander. Jahrelang haben wir alles dem Klavier gewidmet, und das war wunderschön; jetzt schätzen wir auch das einfache Zusammensein – essen, reden, ein Glas Wein trinken.
So 20. Sep, 18:30 Uhr | Nello specchio di Rossini – Im Spiegel Rossinis: mit Camerata Salzburg – Finnegan Downie Dear, Dirigent (San Francesco, Locarno)



