Ascona 2026 – Drei Konzerte und eine Masterclass: Wie bereiten Sie sich darauf vor?
Ascona ist für mich etwas ganz Besonderes, weil es zwei Dinge verbindet, die ich wirklich liebe: konzertieren und lehren. Im Moment arbeite ich intensiv am Repertoire – nicht nur technisch, sondern auch an den Farben, an gesanglichen Strukturen, und an dem, was ich erzählen will. Und gleichzeitig denke ich darüber nach, wie ich das, was mich bei einem Stück packt, auch meinen Studierenden vermitteln kann. Das ist eigentlich ein ständiges Gespräch zwischen diesen beiden Welten.
Die Meisterklasse – Was ist der Kern Ihrer Arbeit mit jungen Cellisten?
Das Wichtigste ist, dass ich nicht will, dass meine Schüler wie ich spielen! Meine Aufgabe ist es, ihnen zu helfen, nach ihrer eigenen Vorstellung und ihrer eigenen Interpretation einen Weg zu finden, der wirklich überzeugt. Viele kommen mit einer soliden Technik – das ist eine wunderbare Grundlage. Aber dann geht es darum, die eigene Stimme zu finden: im Klang, in der Phrasierung, im stilistischen Gespür. Und dafür braucht es vor allem Vertrauen – in sich selbst und in den Raum, den man miteinander schafft.
Die neuen Generationen – Was suchen junge Musiker heute?
Die junge Generation ist erstaunlich. Sie ist so informiert, so vernetzt, hat Zugang zu allem. Das war zu meiner Zeit ganz anders. Aber was ich beobachte: Es geht ihnen nicht mehr nur um Technik. Sie suchen etwas Tieferes: Eine Orientierung, wie man sich als Künstler:in treu bleibt, wie man eine Karriere aufbaut, die wirklich nachhaltig ist und man dabei nicht sich selbst verliert. Das finde ich sehr klug.
Das Kammermusikkonzert – das Konzert am 30. September mit Bertrand Chamayou: Warum Grieg und Rachmaninow?
Bertrand und ich spielen seit über zwanzig Jahren zusammen – das ist fast unglaublich, oder? (lacht) Diese Zeit hat etwas geschaffen, das man nicht erklären kann: eine Art Vertrauen, bei dem man nicht mehr nachdenken muss. Man kennt die Reaktion des anderen, bevor sie überhaupt entstanden ist. Grieg haben wir in letzter Zeit intensiv ergründet, das war eine echte Entdeckungsreise. Rachmaninow dagegen begleitet uns schon sehr lange. Er ist wie ein alter Freund. Und wenn man beides zusammenstellt, entsteht etwas sehr Spannendes: Entdeckung und Vertrautheit im Dialog.
Die Anfänge – Sol, Sie haben Ihre Kindheit dem Cello gewidmet, wobei Ihr Vater regelmässig 800 Kilometer zurücklegte, um Sie zum Unterricht zu bringen: Woran erinnern Sie sich?
Diese Bilder sind so lebendig, als wäre es gestern gewesen. Die langen Autofahrten, die Disziplin – aber auch das Gefühl, genau zu wissen, wohin man will. Das hat mich geprägt, nicht nur als Cellistin, sondern auch als Mensch. Ich bewundere meinen Vater bis heute für diesen Mut. Und ich habe durch diese Jahre verstanden, was es wirklich bedeutet, sich für etwas zu engagieren. Es war intensiv, aber auch sehr schön.
Kammermusik – Welche Rolle spielt die Kammermusik heute in Ihrem Werdegang?
Für mich ist sie unverzichtbar – sie ist Zuhören in Reinform. Es gibt keine Hierarchie, man teilt alles. Manchmal habe ich das Gefühl, mit meinem Cello fliegen zu können – und die Kammermusik erdet mich dabei. Ich denke an Rostropovich, an Jacqueline du Pré: Diese kommunikative Kraft, die von der Kammermusik ausgeht, entsteht aus echten, tiefen künstlerischen Beziehungen. Das ist für mich das Schönste überhaupt.
Repertoire – Wie bringen Sie Barock, grosses Repertoire und zeitgenössische Musik unter einen Hut?
Alles entsteht aus Neugier – das war immer so bei mir. Die alte Musik bringt mich zur Quelle: «weniger ist mehr», diese Reinheit in der Artikulation. Die zeitgenössische Musik wiederum schiebt die Grenzen des Ausdrucks weiter. Und das grosse Repertoire ist das Fundament. Jeder Stil beleuchtet den anderen – ich könnte mich nie auf das «Standardrepertoire» beschränken. Das wäre wie immer nur einen einzigen Weg durch den Wald zu nehmen.



