Willkommen in Ascona: Verbinden Sie mit dem Tessin und dem Süden persönliche Lebenserfahrungen oder bestimmte Emotionen?
Wenn ich an das Tessin denke, entstehen vor meinem inneren Auge unmittelbar Bilder von landschaftlicher Schönheit und südlicher Baukultur von historischer Tiefe. Die Region ist berühmt für ihre Seen, eingebettet in eine eindrucksvolle Bergwelt. In dieser Verbindung von Natur, Kultur und mediterranem Lebensgefühl liegt für mich eine besondere Qualität. Schon vor der Ankunft stellt sich ein Empfinden von Wärme, Schönheit und Inspiration ein.
Sie gestalten bei classicAscona drei sehr unterschiedliche Programme: den Sopranpart in Mozarts grosser c-Moll-Messe, einen Liederabend mit Laute sowie eine barocke Gala mit Orchester. Welche künstlerischen Ziele verfolgen Sie mit einer solchen Residenz, und was möchten Sie dem Publikum vermitteln?
Ich freue mich sehr darauf, dem Publikum im Tessin drei unterschiedliche Perspektiven der klassischen Musik zu eröffnen und auf diese Weise die Vielfalt und den Reichtum dieses Repertoires erfahrbar zu machen. Mozarts grosse Messe in c-Moll ist ein monumentales, zutiefst geistliches Werk für Chor und Orchester. Trotz ihres fragmentarischen Charakters gilt sie als eines seiner bedeutendsten kontrapunktischen Meisterwerke und birgt eine aussergewöhnliche emotionale Tiefe.
Der Liederabend stellt demgegenüber eine ganz andere Form des musikalischen Erlebens dar. Dieses Genre ist auf den heutigen Konzertpodien selten geworden, schafft jedoch eine unmittelbare Nähe zwischen Interpretin und Publikum. Jedes Lied erzählt in konzentrierter Form eine eigene Geschichte von Liebe, Sehnsucht oder Tragik, verdichtet auf wenige Minuten.Die barocke Gala wiederum feiert die Ausdruckskraft und Virtuosität des barocken Repertoires mit seiner dramatischen Geste und seinen farbenreichen orchestralen Klangbildern. Diese drei Programme nebeneinanderzustellen bedeutet für mich, die innere Spannweite der klassischen Musik sichtbar zu machen. Ich bin überzeugt, dass Musik und Kunst in unserem Leben eine verankernde Funktion haben können. Sie führen uns zu etwas Zeitlosem und Sinnstiftendem zurück, was gerade in der Gegenwart von besonderer Bedeutung erscheint.
Ihre Stimme wird häufig als rein, klar und ausserordentlich virtuos beschrieben. Die Presse spricht von einer «engelgleichen Stimme» und hebt Ihre «messa di voce» hervor. Was ist Anlage, was Ergebnis von Arbeit und Disziplin?
Die Grundfarbe einer Stimme ist zu einem erheblichen Teil gegeben. Sie hängt nicht nur von physiologischen Voraussetzungen ab, sondern steht auch in Beziehung zur Persönlichkeit. Die eigentliche Entwicklung der Stimme jedoch, das heisst ihre freie, differenzierte und ausdrucksfähige Führung, ist das Resultat jahrelanger Arbeit.Erst durch kontinuierliches Studium und Bühnenerfahrung erschliesst sich allmählich ein eigener Klang und eine individuelle Gesangssprache. Ebenso entscheidend ist die Fähigkeit, ein Gleichgewicht zu wahren. Stimme, Körper und Geist benötigen Phasen der Regeneration. Der Gesang ist eine anspruchsvolle Kunstform, und die Pflege des eigenen Instruments ist Voraussetzung für eine nachhaltige künstlerische Laufbahn.
Sie geben in Ascona erstmals eine Meisterklasse. Was möchten Sie jungen Sängerinnen und Sängern mitgeben?
Für junge Sängerinnen und Sänger ist es zentral, die eigene authentische Stimme zu finden und einen persönlichen Zugang zum musikalischen Ausdruck zu entwickeln. In der Meisterklasse möchte ich sie auf diesem Weg begleiten. Es geht darum, das individuelle Klangideal zu schärfen, die musikalische Sensibilität zu vertiefen und die Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern.
Die Suche nach der eigenen künstlerischen Stimme ist anspruchsvoll und verlangt Geduld. Zugleich gehört sie zu den erfüllendsten Erfahrungen dieses Berufs.
Wir hoffen, dass Sie auch Zeit finden, die Region Locarno kennenzulernen. Worauf freuen Sie sich besonders?
Eine meiner liebsten Beschäftigungen ist das Wandern in den Bergen. Ich schätze es, abgelegene Orte zu entdecken und in Verbindung mit der Natur zu bleiben. Von den Seitentälern des Maggiatals, etwa den Centovalli, habe ich bereits viel gehört und freue mich darauf, diese Landschaft selbst zu erleben.
Das Tessin erscheint mir als ein Ort, an dem sich ein reiches kulturelles Leben mit einer besonderen Lebensqualität und einer eindrucksvollen Natur verbindet. Diese Vielschichtigkeit möchte ich gerne erkunden.



